Das Dritte Theater

Dieser kurze Text von Eugenio Barba, der als ein internes Dokument für die Teilnehmer der Begegnung des >Dritten Theaters< 1976 in Belgrad geschrieben wurde, erlangte schnell die Bedeutung eines >Manifestes<. Er wurde als ein Manifest des >Dritten Theaters< in den Zeitungen und Fachblättern fast aller europäischer Länder sowie in Venezuela, Peru, Bolivien, Kolumbien, Argentinien und Japan abgedruckt. Das Dritte Theater wurde zuerst in International Theatre Informations (Paris, Herbst 1976) veröffentlicht.

„Ein theatralischer Archipel hat sich während der letzten Jahre in vielen Ländern gebildet. Er ist fast unbekannt, es wird wenig über ihn nachgedacht, er wird nicht auf den Festivals vorgestellt, und die Kritiker schreiben nicht über ihn.

Er scheint das anonyme Extrem der von der Kulturwelt anerkannten Theaterformen zu bilden: Auf der einen Seite steht das institutionelle Theater wegen der hohen Kulturwerte, die es zu vermitteln scheint, protegiert als lebhaftes Bild einer kreativen Begegnung von Texten der vergangenen und gegenwärtigen Kultur oder sogar als >Edel<-Form der Vergnügungsindustrie subventioniert. Auf der anderen Seite steht das Theater der Avantgarde, der Experimente, des Suchens, schwierig oder bildstürmerisch, ein Theater der Veränderung, der Suche nach immer neuer Originalität, das im Namen der notwendigen Überwindung der Tradition verteidigt wird und allem geöffnet ist, was in der Begegnung der Künste mit der Gesellschaft an Neuem entsteht.

Das Dritte Theater lebt am Rand, oft außerhalb oder an der Peripherie der kulturellen Zentren. Es ist ein Theater, das von Menschen gemacht wird, die sich als Schauspieler, Regisseure, als Theaterleute verstehen, ohne den traditionellen Werdegang und Ausbildungsweg durchlaufen zu haben und die daher nicht einmal als Professionelle anerkannt werden.

Aber sie sind keine Amateure. Der ganze Tag ist für sie von ihrer Theaterarbeit bestimmt: manchmal durch das, was sie Training nennen, oder durch Vorbereitung von Aufführungen, die sich ihr Publikum erst erkämpfen müssen.

Dem traditionellen Parameter für Theater entsprechend scheint es sich um ein irrelevantes Problem zu handeln; vom soziologischen Gesichtspunkt her ist das Dritte Theater jedoch beachtenswert.

Wie Inseln, die nicht miteinander in Kontakt stehen, treffen sich junge Leute in Europa, Nord- und Südamerika, Australien und Japan; sie bilden Theatergruppen, die entschlossen sind zu überleben.

Aber diese Gruppen können nur unter zwei Bedingungen überleben: Entweder betreten sie den Rahmen des etablierten Theaters, akzeptieren so die Gesetze von Angebot und Nachfrage, den herrschenden Geschmack, geben den Vorlieben politischer und kultureller Ideologen nach und passen sich so den zuletzt beklatschten Erfolgen an; oder es gelingt ihnen, sich durch kontinuierliche Arbeit einen eigenen Bereich zu schaffen. Sie suchen dabei das für sie Wesentliche und versuchen die anderen dazu zu zwingen, diese Verschiedenartigkeit zu akzeptieren.

Vielleicht kann man gerade im Dritten Theater das sehen, was am Theater lebendig ist, eine alte Bedeutung, die dem Theater neue Energien zuführt, die das Theater trotz allem auch in unserer heutigen Gesellschaft lebendig erhält.

Verschiedene Menschen in verschiedenen Ländern der Welt erfahren Theater als eine- immer gefährdete- Brücke zwischen der Behauptung eigener Bedürfnisse und der Notwendigkeit, mittels dieser Bedürfnisse die sie umgebende Umwelt zu erreichen.

Warum wählen sie ausgerechnet das Theater als Mittel der Veränderung, wo wir doch genau wissen, daß die Welt, in der wir leben, von anderen Faktoren bestimmt wird? Ist es eine Frage der Blindheit oder der Selbsttäuschung?

Vielleicht ist das Theater für sie ein Mittel, eine eigene Form der Präsenz zu finden, was Kritiker >neue expressive Formen< nennen würden- einen Versuch, menschlichere Beziehungen untereinader herzustellen, indem sie gesellschaftliche Zellen bilden, innerhalb derer Absichten, Hoffnungen und persönliche Bedürfnisse anfangen, in Handlungen umgewandelt zu werden.

Die abstrakten Unterscheidungen, die willkürlich gemacht und von oben aufgezwungen werden, sind hier nutzlos: Schulen, Stile, Tendenzen und andere Etikette, die dem etablierten Theater seine Ordnung geben. Hier zählen weder die Stile noch die Tendenzen der Expressivität. Was das Dritte Theater zu kennzeichnen scheint, was als ein gemeinsamer Nenner so verschiedener Gruppen und Erfahrungen er-scheint, ist eine schwer zu bestimmende Spannung.

Es ist, als ob die verschiedenen persönlichen Bedürfnisse- Ideale, Ängste, verschiedene Impulse, die andernfalls mehr oder weniger im dunklen blieben- in einer Haltung, die von außen als ein ethischer Imperativ begründet wird, der nicht nur auf den Beruf beschränkt ist, sondern sich über das ganze tägliche Leben ausdehnt. Schließlich sind sie jedoch die ersten, die den Preis für ihre Entscheidungen bezahlen müssen.

Man kann nicht nur von der Zukunft träumen und auf die totale Veränderung hoffen, die sich mit jedem Schritt, den wir machen, weiter zu entfernen scheint und trotzdem freie Bahn für alle Alibis, Kompromisse und die Impotenz des Wartens schafft.

Man will, daß sofort einer neue Zelle gebildet wird, aber ohne sich in ihr zu isolieren. Als Gruppe in eine Welt der Fiktion eintauchen und dabei den Mut finden, nicht zu heucheln… solcherart ist das Paradoxon des Dritten Theaters.“